Klima & Kapital

Als Eunice Foote im Jahr 1850 den Effekt von Treibhausgasen erkannte[i], war der menschlich verursachte Anteil von COโ‚‚ & Co. in der Atmosphรคre noch vernachlรคssigbar gering. Mit dem Fortschritt der Industrialisierung steigt dieser Anteil bis heute exponentiell an, ohne Anzeichen einer Stagnation[ii]. Bei der ersten Weltklimakonferenz im Jahr 1979 befanden sich erst ein Drittel der bis heute verursachten Emissionen in der Atmosphรคre. Bei der Grรผndung des IPCC (1988) waren es bereits 42% und trotz zahlreicher weiterer Klimakonferenzen mรผssen wir heute feststellen, dass in den letzten 30 Jahren so viele Treibhausgase emittiert wurden wie in der gesamten industriellen Zeit zuvor und dass โ€“ trotz hoher medialer und politischer Aufmerksamkeit โ€“ keine wirksamen GegenmaรŸnahmen ergriffen wurden.[iii]

Abbildung 1; Globale Treibhausgas Emissionen

[iv]

Wieso fehlt unseren gewรคhlten Politiker*innen die Macht, unsere Zukunft lebenswert zu gestalten? Worin liegt diese Macht und wie wรคre sie zu ergreifen?

Dass die Klimaerwรคrmung, die die 1.5ยฐC Grenze bis Ende Jahrhundert massiv รผberschreiten wird, die Existenzgrundlage der Menschheit rauben kรถnnte, ist wissenschaftlicher Konsens.[v] Wรผrde die Politik also im Interesse der Menschheit handeln, wรคre klar, was zu tun ist. Statt Wirtschaftswachstum brรคuchten wir Degrowth โ€“ ein kontrolliertes Schrumpfen der Wirtschaft mit Fokus auf das Wesentliche. Dieses mรผsste, um weitreichende humanitรคre Katastrophen abzuwenden, an eine massive Umverteilung gekoppelt sein. Auch wenn einige Interessensgruppen die relative Entkopplung zwischen Emissionen und BIP zu betonen, ist in absoluten Zahlen klar, dass eine stรคndig wachsende Wirtschaft auf einem begrenzten Planeten nicht tragbar ist. Die EU-Kommission fรผhrt eine Initiative namens “Beyond GDP”, und der IPCC hinterfragt in diversen Berichten den Zusammenhang zwischen Wohlstand und Wachstum.

Die Misere ist aber die, dass der Kapitalismus mit einem solchen Schrumpfen absolut inkompatibel ist. Hier reden wir nicht von Tendenzen, die man politisch korrigieren kรถnnte, und nicht von รผberwindbaren kleinen Fehlern, die wir durch eine Evolution des Kapitalismus beseitigen kรถnnten. Verknรผpft man die Berichte des Weltklimarats mit dem Wissen der Wirtschaftswissenschaften muss man sich eingestehen, Kapitalismus und unser รœberleben stehen sich unversรถhnlich gegenรผber. Das Problem liegt in einem unreformierbaren Teil des Kapitalismus: dem Profit.[vi]

Wenn ein Unternehmer durch eine Investition von 100 Mio. 20 % Rendite erzielt, muss er einen GroรŸteil dieser 120 Mio. zur Produktivitรคtssteigerung in neue Maschinerie/Technik investieren und damit noch mehr produzieren, sonst wรผrde er

a) nicht profitorientiert handeln, was seinem Hauptinteresse widerspricht.

  • Die Firma kann nun mehr produzieren. Wenn sie das nicht tut, entgeht ihr mรถglicher Profit.
  • Wรผrde die Firma gleich viel produzieren wie vor der Investition, wรผrde die Profitrate sinken,
    denn die Profitrate berechnet sich aus ย ย Steigt das investierte Kapital bei gleichbleibendem Gewinn, sinkt die Profitrate. (Der Gewinn bleibt unverรคndert, da die gesenkten Produktionskosten, die den Profit pro Einheit kurzfristig steigen lieรŸen, sich zum Branchendurchschnitt entwickeln. Als Konsequenz sinkt der Verkaufspreis.)

b) Wird eine Firma oder Branche unprofitabler, flieรŸt das Geld der Investoren in andere, profitablere Bereiche.

Zwar wird in der Neoklassischen Theorie die Mรถglichkeit einer Wachstumsfreien Marktwirtschaft behauptet, in der alle Gewinne einfach ausgeschรผttet statt reinvestiert werden, jedoch widerspricht dieses Verhalten der Grundlegenden Gewinnmaximierungsthese der Neoklassik selbst; Der Firma entgeht Zukรผnftiger Gewinn dessen Barwert hรถher ist als der heutige. Zudem fรผhrt der isolierte Blick bei ยซGewinn durch Effizienzsteigerungยป Gesamtwirtschaftlich zu Fehlschlรผssen. In der Makroรถkonomik ist die ceteris paribus-Klausel, also dass alle Umstรคnde gleichbleiben, weil der Einzelne nicht auf das Gesamtsystem wirkt, niemals erfรผllt. Deshalb finden sich auch Empirisch keine Belege fรผr diese These, im Gegenteil, das Wachstum war immer Aushรคngeschild des Kapitalismus.

Der nรถtige wirtschaftliche Wandel widerspricht also dem grundlegendsten Interesse derer, die Kapital besitzen. Durch Lobbying und Spenden, den Besitz der Medien und die Finanzierung von Forschung nimmt die Klasse der Besitzenden, organisiert in Wirtschafts- und Branchenverbรคnden, Einfluss auf die Demokratie. Dies geschieht mehr oder weniger offenkundig. Die Propagandakampagne der ร–lindustrie, die den Zusammenhang zwischen der Verbrennung fossiler Stoffe und der Klimaerwรคrmung in Frage stellte, ist ein bekanntes Beispiel dafรผr. Die Macht, mit der diese Verbรคnde agieren, erkennt man an ihrem gewaltigen Budget: Seit dem Pariser Klimaabkommen investierten die Top 5 der ร–lindustrie gemeinsam รผber 1 Milliarde USD in Fehlinformationskampagnen und Lobbying. Und dass, obwohl bereits 1978 der Exxon-interne Forscher James Black die katastrophalen Auswirkungen der Treibhausgasemissionen aufzeigte. Die Erkenntnis, dass sich die Erdpolregionen schneller erwรคrmen als der Rest des Planeten, wurde nicht genutzt, um uns vor dem Kollaps der Jetstreams zu warnen, sondern um Investitionen in die Arktis zu lenken โ€“ da die Eisschmelze die ร–lfรถrderung dort erleichtert.[vii]

Abbildung 2, Werbung von Mobil Oil in der New York Times, getarnt als Editorial, 1984

[viii]

Die Problematik, die sich an diesem Beispiel so klar zeigt, besteht darin, dass die Profitinteressen des Kapitals den Interessen der Menschheit widersprechen. Auch wenn ein Staat genรผgend unabhรคngige Macht besรครŸe, um gegen uns gegen die Kapitalinteressen zu verteidigen, lieรŸe sich der Wachstumszwang nicht einfach parlamentarisch beseitigen, ohne einen vollstรคndigen Wirtschaftskollaps auszulรถsen.

Die Tatsache der Inkompatibilitรคt, die durch die reale Bedrohung fรผr eine breite Masse intuitiv zugรคnglich ist, wird versucht, unter der Hรผlle einer scheinbaren Kapitalismuskritik, die die letzte Konsequenz nicht zieht, zu verschleiern. Das WEF betont Jahr fรผr Jahr die Notwendigkeit von grรผnen Investitionen, und pocht auf die humanistische Verantwortung der Konzerne.[ix] Ulrike Herrmann hingegen spricht sich in ihrem Buch ยซDas Ende des Kapitalismusยป fรผr eine stark staatlich gelenkte Degrowth-Wirtschaft aus. Angelehnt an die britische Kriegsรถkonomie im Zweiten Weltkrieg fordert sie, dass das nationale Kapital in Krisensituationen die Vorteile der Marktwirtschaft aufgibt und sich einer Technokratie, also einer ยซHerrschaft der Expertenยป, kurzfristig unterordnet, ohne aber dabei die privaten Besitzverhรคltnisse an sich infrage zu stellen. Der Vergleich der beiden Situationen, der heutigen Klimakrise und des Zweiten Weltkriegs, scheitert aber daran, die unterschiedlichen Krisenursachen zu unterscheiden. Durch diesen Fehler zieht Herrmann einen fatalen Fehlschluss.

Mit der rapiden Expansion von Nazideutschland in ganz Europa waren die alliierten Krรคfte bedroht, den Zugang zu wichtigen Ressourcen aus den Kolonien, Absatzmรคrkten in Europa und letztendlich mรถglicherweise sogar die eigene Souverรคnitรคt zu verlieren. Der Deal, den die britischen Kapitalisten eingegangen waren, lautete: Wir รผbergeben die Leitung der Produktion und der Fabriken einer zentralen Planungsstelle, die die Kriegsmittelproduktion maximiert. Im Gegenzug verteidigt der Staat mithilfe der Soldatenleben die eigene Souverรคnitรคt und schรผtzt langfristig den privaten Besitz vor auslรคndischen Mรคchten. Ein kurzer Verzicht fรผr langfristiges Bestehen. Der britische Staat wirtschaftete also auch in der Kriegsรถkonomie mit breitester Unterstรผtzung der Industriellen, die oft sogar Leitungsfunktionen innerhalb der Planwirtschaft รผbernahmen.

Die heutige Krise ist zwar ebenso bedrohlich, aber nicht vergรคnglich. Das Wachstum kann nicht nur kurzfristig eingeschrรคnkt werden, nur um dann in ein โ€žBusiness as usualโ€œ zurรผckzukehren. Die Kriegswirtschaft ohne Krieg, die Ulrike Herrmann fordert, mรผsste auf Ewigkeit bestehen. Dadurch hรคtte die besitzende Klasse aber jegliches Interesse an diesem Deal verloren und wรผrde sich mit ganzer Kraft dagegen wehren, ihren Besitz abzugeben. In dieser Situation ist der Staat schlicht zu machtlos, um die Kriegswirtschaft einzufรผhren.

Wรคhrend es den Mรคchtigen in der Britischen Kriegsรถkonomie also darum ging sich selbst zu schรผtzen, mรผsste es ihnen heute darum gehen sich vor sich selbst zu schรผtzen. Ein kaum plausibles Szenario.

Alternative
Um den Widerspruch zwischen Profit und dem รœberleben der Menschheit aufzuheben, muss der Besitz der Firmen, Maschinen, Daten, Algorithmen und KIs in die Allgemeinheit รผbergehen. Erst so fรคllt der Interessenkonflikt zwischen den wenigen Besitzenden und dem Rest der Welt in sich zusammen. Wo vorher die einen das Interesse hatten, unendlich zu produzieren und die Lebensgrundlage von uns allen zu zerstรถren, gรคbe es so nur noch eine einzige Gruppe. Diese neue Klasse wรผrde auf wissenschaftlichen Grundlagen demokratisch abwรคgen, was sie alles konsumieren kann, ohne die Zukunft zu zerstรถren, weil es ihre eigene Zukunft ist.[x]

An die Stelle, wo heute die Willkรผr des Marktes herrscht, kรถnnte eine Planung nach den Bedรผrfnissen der Menschen treten. Eine demokratische Planung wรคre viel kostensparender und effizienter als die โ€žKonkurrenzโ€œ auf den Mรคrkten, die den Fortschritt massiv behindert. Neben dem Konkurrenzkampf, den beispielsweise Automobilhersteller haben (die durch die Monopolisierung immer mehr abnimmt), teilen sie das gemeinsame Interesse, diesen Konkurrenzkampf auf einem Feld auszufรผhren, auf dem eine mรถglichst hohe Wertschรถpfung ist. Das Grundbedรผrfnis der Mobilitรคt wird und wurde so kรผnstlich in die Herrschaft der AutostraรŸen gedrรคngt, auch wenn die Menschheit dieses Bedรผrfnis eigentlich auf deutlich gรผnstigere Art befriedigen kรถnnte. ร–konomen wie Branko Milanovic, die behaupten, dass Degrowth-Vertreter*innen โ€žsich in magischem und halbmagischem Denken verlierenโ€œ, weil sie nicht einsehen wollen, dass Degrowth zu einem Wohlstandsverlust fรผr einen GroรŸteil der Menschheit fรผhren wรผrde[xi], รผbersehen den springenden Punkt. Sie hรคtten in ihrer Analyse nur recht, wenn es sich um eine kapitalistische Wirtschaft ohne Wachstum handeln wรผrde. Mit massiver Umverteilungen und guter Planung ist es mรถglich, eine hohe Lebensqualitรคt fรผr alle Menschen zu garantieren. Tatsรคchlich muss man ja auch nicht gutverdienende davon รผberzeugen, dass sie ihren Lebensstandard aufgeben mรผssen. Man muss sie nur รผberzeugen wenigstens einen Teil ihres Lebensstandards zu retten, den sie mit ausufernder Klimakatastrophe verlieren wรผrden. Degrowth ist ja nicht einfach die spontane Idee einiger Linken. Im Gegenteil, Linke Positionen forderten immer materiellen Wohlstand fรผr alle. Leider ist es aber real, dass exzessives Verhalten schlicht nicht tragbar ist. Wenn wir die Luft um uns nicht mehr atmen kรถnnen, unser Essen zwischen Dรผrre und Flut vernichtet wird und auch die letzten Arten langsam sterben, werden wir wissen, was Lebensqualitรคt mal bedeutet hat.

Dieser Text plรคdiert somit โ€“ รคhnlich wie Ulrike Herrmann โ€“ fรผr eine รถkosozialistische, heisst internationalistische, zentral nach dem nachhaltigen Wohlergehen der Menschheit geplante Wirtschaft. Im Unterschied zu Herrmann gehe ich aber davon aus, dass die Profiteure des Systems ihre Macht nicht freiwillig abgeben werden. Wieso sollten sie auch? In Anbetracht der drohenden Katastrophe und der sich schliessenden Handlungsfenster[xii], die unsere Politik mit Geschwafel รผber Remigration vertrรถdelt, sind revolutionรคre Ansรคtze auch mit Unsicherheiten und mรถglichen Fehlern ethisch nicht nur vertretbar, sondern zwingend notwendig. Wenn das Leben von uns allen bedroht ist, ist jeder Widerstand legitim.

Ein gutes Leben fรผr alle ist mรถglich. Damit ist in keinster Weise ein Rรผckschritt zu primitiven Lebensformen als Sammler und Jรคger gemeint. Im Gegenteil: Erst in einer demokratischen Wirtschaft, wenn die Menschheit nach den Bedรผrfnissen aller statt fรผr den Profit weniger produziert, ist es mรถglich, den technischen Fortschritt, den die Menschheit hervorbringt, tatsรคchlich fรผr ihre Interessen einzusetzen. Produktivitรคtsfortschritt kann zur Verkรผrzung der Arbeitszeit fรผhren, und die Automatisierung von repetitiven, langweiligen Arbeiten kann Raum schaffen fรผr sinnstiftende Tรคtigkeiten statt fรผr Arbeitslosigkeit und Armut. Soziale Medien kรถnnten so gestaltet werden, dass sie uns Momente mit Freunden teilen lassen, ohne zu Sucht und Vereinsamung zu fรผhren. Unsere Lebensqualitรคt wรผrde nicht sinken, sondern steigen. Es gibt keine andere Option. Die post-kapitalistische Zukunft scheint ungewiss. Die kapitalistische ist klar.

Anmerkung: Albert Einstein stellt zu Beginn seines Essay ยซWhy Socialismยป die Frage, ob es sinnvoll fรผr uns Laien ist, eine Meinung zu ร–konomischen Themen abzugeben. Nach Analyse der grundlegenden methodischen Unzulรคnglichkeit der Wirtschaft als Naturwissenschaftliche Disziplin, dass die entdeckten Gesetzmรคssigkeiten jeweils nur in ihrem historischen gesellschaftlichen Kontext gelten und es genau dieser Kontext ist, den es zu รผberwinden gilt, kommt er zu folgendem Schluss: Wir (sollten) auf der Hut sein und keine Wissenschaft und wissenschaftliche Methode รผberschรคtzen, wenn es um eine Frage der Probleme der Menschheit geht; und wir sollten nicht davon ausgehen, daรŸ Experten die einzigen sind, die ein Recht darauf haben, sich zu Fragen zu รคuรŸern, die die Organisation der Gesellschaft betreffen.

Zudem sind Expertisen auch immer im Kontext der Interessen der Expertengruppen zu verstehen. Sie erwarten ja kaum, dass der Shell-CEO, ein studierter Chemieingenieur, sie darauf hinweist, dass seine Firma uns alle in den Tod schickt. An fehlendem Fachwissen wird es ja nicht liegen.


[i] https://www.mpg.de/19066746/Eunice-Newton-Foote

[ii] https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Kohlendioxidemissionen

[iii] https://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Kohlendioxidemissionen

[iv] https://ourworldindata.org/co2-emissions

[v] https://climate.copernicus.eu/global-climate-highlights-2023;%20climateactiontrack-er.org

[vi] Karl Marx, Das Kapital Band 1 1867

[vii] [vii] https://www.climaterealityproject.org/blog/climate-denial-machine-how-fossil-fuel-industry-blocks-climate-action

[viii] https://www.theguardian.com/environment/2021/nov/18/the-forgotten-oil-ads-that-told-us-climate-change-was-nothing

[ix] World Economic Forum; The Green Investment Report 2013

[x] Widerspruch Nr.82; Postwachstum โ€“ Leben รผber den Verhรคltnissen?

[xi] Branko Milanovic, The illusion of degrowth in a poor and unequal world. 2023

[xii] https://www.wwf.ch/de/medien/synthesebericht-des-un-weltklimarats-zeitfenster-schliesst-sich