Der Lieblingsslogan von Paartherapeuten und Kommunikationsexperten, Paul Watzlawicks erstes Axiom “Man kann nicht nicht kommunizieren”, gilt als weitverbreitete Gewissheit.[i] Als ich diesen Satz im Gymnasium zum ersten Mal gehรถrt habe, kam ich mir danach wie eine chronisch pulsierende Radioantenne vor, die unaufhรถrlich Signale aussendet. Eine fehlerhafte Vorstellung, mit der ich nicht alleine war. Denn auch wenn die erste Gewissheit Watzlawicks die Mรถglichkeit aufzeigt, alles, auch das Nichtstun, zu interpretieren und damit die Relevanz der Empfรคngerseite betont, benutzt sie das Verb “kommunizieren” aktiv. Damit verstรคrkt sie die weitverbreitete Fehlvorstellung von Kommunikation als รbertragung, die durch Shannon & Weaver seit den 1940er Jahren auch grafisch untermauert wird. Die Idee: Ein Sender encodiert seine Idee (die ursprรผnglich unsprachlich vorhanden ist) in Symbole, die er dem Rezipienten รผbermittelt, und dieser die Symbole decodiert. So รผbertrรคgt sich die Idee vom Bewusstsein des Senders in das Bewusstsein des Empfรคngers.

Naheliegenderweise funktioniert eine fehlerfreie En- und Decodierung in dieser Dialogsituation aber nur, wenn beide Seiten den gleichen Code, im Alltag unser Vokabular, besitzen. Wenn wir den Begriff des Individuums beim Wort nehmen, also davon ausgehen, dass keine zwei Individuen eine exakt gleiche Erfahrung oder Idee haben, ist klar, dass zwei Individuen mit einem Begriff nie dasselbe meinen kรถnnen. Blicken wir von der Empfรคngerseite auf den modellhaften รbertragungsprozess, besteht die Botschaft also nicht aus dem Symbol und einem latenten Symbolisierten, das sich irgendwo in einer Box versteckt und das der Empfรคnger irgendwie verstehen kรถnnte, sondern nur aus dem Symbol, dessen ganze semantische Bedeutung erst im Akt des Interpretierens entsteht. Es klafft also eine unรผberwindbare Lรผcke zwischen โSenderโ und โEmpfรคngerโ. Solange wir unter Kommunikation eine รbertragung verstehen, mรผssen wir uns eingestehen, dass wir nicht โnicht nicht kommunizierenโ kรถnnen, sondern nicht kommunizieren kรถnnen.
Bewusstsein nicht nรถtig
Daraus folgt, dass wir unter Kommunikation nur den Interpretationsprozess verstehen dรผrfen und es irrelevant ist, was der Sender meint. Ein einfacher Beleg fรผr diese These ist schlicht das Funktionieren von Chatbots wie ChatGPT. Kommunikation benรถtigt kein Bewusstsein, das Sprache produziert, denn wie oben schon erwรคhnt, entsteht die ganze Bedeutung erst im Akt des Interpretierens. Das Reproduzieren von Sprache durch Einhaltung grammatischer Regeln und das Verwenden verbreiteter Symbole durch eine KI unterscheidet sich aus Sicht eines Interpretierenden in keiner Weise von zwischenmenschlicher Kommunikation. ChatGPT ahmt Kommunikation nicht nach, sondern kommuniziert tatsรคchlich.
Wie wir Medien konsumieren
Wenn Bedeutung erst im Akt des Interpretierens entsteht, stellt sich die Frage, inwiefern das Medium, durch das wir Informationen aufnehmen, diesen Interpretationsprozess beeinflusst. Kommunikation ist nicht nur eine Frage von Sender und Empfรคnger, sondern auch von den Kanรคlen, รผber die sie stattfindet. Hier setzt die Medientheorie von Marshall McLuhan an.
Medien sind die Materielle Form von Symbolen. Diese sind jedoch nicht nur Trรคger des symbolisierten Inhalts (auch dieses Wort verbreitet die Idee, dass die Bedeutung sich im Symbol befindet), sondern laut einer verbreiteten und umstrittenen These in der Kommunikationswissenschaft gestalten sie den Inhalt auch maรgeblich mit. Marshall McLuhan, der diese These in seinem 1967 erschienenen Werk โThe Medium is the Massage; An Inventory of Effectsโ niederschrieb, verstand Medien nรคmlich nicht nur als Trรคger von Inhalt bzw. Symbolen, sondern als Erweiterung der menschlichen Wahrnehmungsmรถglichkeiten. Ob im Fernsehen eine Nachrichten- oder Unterhaltungssendung gezeigt wird, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass das Fernsehen die Wahrnehmung der Welt in eine visuell und auditiv dominierte Richtung lenkt und soziale Rituale sowie Hierarchien prรคgt.
Ein anderes Beispiel wรคre, dass das moderne Konzept der Zeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur durch die Schrift als Medium entstehen konnte. Mรผndliche Kulturen kรถnnen durch die natรผrliche Vergessenskurve des Menschen Wissen nur schwer weitergeben und konservieren. Dadurch liegt der Fokus stรคrker auf der Gegenwart und zyklischen Ereignissen, die sich leicht erinnern lassen, wie Rituale. Schriftliche Kulturen hingegen kรถnnen Ereignisse รผber lange Zeit festhalten und dadurch Wandel erfassen. So entsteht ein lineares Zeitverstรคndnis im Gegensatz zu einem zyklischen, wie es in mรผndlichen Kulturen dominiert. Zudem ergibt sich aus dem Verstรคndnis, dass die Geschichte das Heute erschaffen hat, die Erkenntnis, dass aus dem Heute ein Morgen wรคchst.[iii]
Im 21. Jahrhundert zeigt sich dieser Effekt auch verstรคrkt an den digitalen Medien. รkonomische Interessen, die Bildschirmzeit von Konsument*innen zu maximieren, fรผhren dazu, dass die Dauer der einzelnen Informationseinheiten (Video, Bild mit Text etc.) stรคndig sinkt, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. In der Folge sinkt unsere Aufmerksamkeitsspanne.
Die paradoxe Wirkung sozialer Medien
Der springende Punkt dieses Artikels liegt aber in der Kombination der Einsicht, dass der gesamte Inhalt der Kommunikation erst in der Wahrnehmung entsteht, und der Annahme, das Medium beeinflusst diesen Interpretationsprozess. Die Weltweite Mediennutzung ist von einem zunehmenden Konsum digitaler Angebote, gerade bei jรผngeren Menschen hauptsรคchlich Soziale Medien, geprรคgt. [iv]
Im Unterschied zu bisherigen Medien zeichnen sich diese durch zwei wesentliche Merkmale aus:
- Die sozialen Medien stellen eine Unmenge an bedeutsamer Information zur Verfรผgung.
- In der Wahrnehmung wird diesen Informationen immer weniger Bedeutung beigemessen.
Diese zweite Behauptung ziehe ich nur aus meinen eigenen Erfahrung und Beobachtungen die keine ausreichende Wissenschaftliche Basis sind. Ich behaupte dennoch, dass diese Erfahrungen von vielen Menschen geteilt wird. Gerade in der Konfrontation mit der Polykriese der Zeit, stelle ich fest, dass ich nicht nur abstumpfe, wie viele andere Berichten, sondern dass ich gelรคhmt werde. Bilder von toten Flรผchtlingskinder, Berichte รผber die Klimakriese und Videos aus Gaza scheinen alltรคglich. Nicht dass es in mir emotional nichts auslรถst, sondern dass ich keinen Drang mehr verspรผre irgendwas zu รคndern.
Die Erklรคrung dafรผr liegt im Wesen der sozialen Medien und der Sozialpsychologie. Dass die Intransparenz der Quellen und die algorithmische Verbreitung von Posts die Verbreitung von Fake News fรถrdert, ist klar. Die Entwicklung, die ich in der Gesellschaft beobachte, ist jedoch nicht, dass Menschen sich in digitale Echokammern verlieren und alles leichtglรคubig glauben. Die Konsumierenden wissen, unter anderem vielleicht dank der Medienkompetenzoffensiven der Schulen und der Popularitรคt der Fake-News-Debatte, dass sie รผberall Gefahr laufen, Opfer von Desinformation zu werden.
Aus diesem Misstrauen heraus entsteht die Grundeinstellung, einfach gar nichts mehr zu glauben oder genauer: Eine Wahrheit anzuerkennen, aber aufgrund der Unsicherheit, dass sie sich als nur temporรคre Wahrheit herausstellen kรถnnte, keine Konsequenzen daraus zu ziehen. Dabei geht es nicht nur um Fakenews, sondern auch um ganze politische und ethische Positionen. Richtig und Falsch, Gut und Bรถse existieren in verschiedenen Bubbles gleichzeitig, verdreht, vermischt, brรผchig. Positionen zu Themen wie der Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 kรถnnen als ganze, in sich abgeschlossene Realitรคten existieren, die sich mit Referenz von tausenden anderen Posts, Berichten usw. selbst bestรคtigen. Gleichzeitig existiert auf meinem Handy aber auch die genaue Umkehrung davon. So finde ich mich zwischen zwei widersprรผchlichen Welten, die beide in sich wahr und akzeptiert scheinen, so dass mir jede Handlungsgrundlage unsicher scheint. Die Unverlรคsslichkeit der Quellen und die kurze Lebensdauer von Wahrheiten gehรถrt zu spezifischen Besonderheiten der Sozialen Medien und prรคgt wie McLuhan es beschreibt den interpretierten Inhalt.

Gerade bei Krisen die weit entfernt scheinen zeigt sich noch ein anderer Effekt. In der eigenen Bubble kann zb. eine Humanitรคre Krise รคusserste Dringlichkeit erfordern, mein Schweizer Umfeld hier aber kaum betreffen. So finde ich mich tรคglich mit der Aufgabe konfrontiert den Widerspruch zwischen dem was man in den sozialen Medien sieht und der Gleichgรผltigkeit der Gesellschaft auszuhalten. Egal welche Kriese auf meinem Handy droht, die Welt um mich rum dreht ungebremst weiter. Meine Befรผrchtung ist die, dass wir eine gesellschaftliche Hilflosigkeit erlernen, so dass sich egal was wir in den Medien sehen, unser Drang etwas dagegen zu unternehmen, verschwindet. Die Untรคtigkeit wird konditioniert. Zwar gibt es Positionen die sagen Soziale Medien kรถnnen verknรผpfen und sind Mรถglichkeit zur Massenmobilisierung. Als Beispiel wird immer wieder die Revolution im Maghreb, die als ยซFacebook Revolutionยป bekannt ist, genannt, obwohl das lokale Aktivist*innen sehr oft anders sahen. Eine von ihnen sagten ยซDie Revolution begann, als sie uns das Internet abstellten und wir alle auf die Strassen gingenยป[vi] Natรผrlich sind Informationen und das ursprรผngliche Internet Katalysatoren fรผr eine partizipative Demokratie aber die Zeiten wo das Internet das ist sind vorbei. Einerseits fรผhrt der Wandel des Mediums dazu, dass die Informationen immer wie wirkungsloser werden, andererseits hรคngt was wir sehen und lesen, vom Wohlwollen der Cloudkรถnige wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Ma Huateng, ab. Dass diese bei gรผnstiger Interessenslage nicht scheuen, ihre Macht durch Zensur auszuรผben, zeigt sich aktuell an dem Ban von X -Accounts rund um den tรผrkischen Oppositionellen Ekrem ฤฐmamoฤlu und zahlreichen aktivistischen Accounts die รผber die Protestwellen berichteten[vii]. Der Punkt ยซWas wir sehen und lesenยป ist hier ausschlaggebend. Denn wenn Kommunikation reine Deutung von Symbolen ist, kontrolliert derjenige der unser Verstรคndnis von Symbolen prรคgt, unser Kommunikation, Wahrnehmung und denken. Hinter den Symbolen steckt nรคmlich nicht die Welt an sich, sondern vorhergegangene Kommunikation, die die Symbole prรคgt mir der wir die Welt interpretieren. Ein Mensch der kaum Erfahrung mit der Polizei gesammelt hat, wird ein vรถllig anderes Konzept vom Polizeibegriff haben, als eine* politische Aktivistin, die Repression und Gewalt am eigenen Leib erlebt hat. Die erste Person fundiert ihren Begriff nur auf vorhergegangener Kommunikation in Medien. So wird beim einen beispielsweise die Idee des im Tatort vermittelten rebellischen, nicht immer Regeltreuen, Wertebasierten Beschรผtzer des Volkes verinnerlicht, wรคhrend die zweite die Erfahrung des vermummten Schlรคgertrupps erlebt hat. So ist es auch nachvollziehbar, dass sich mit Beginn der Industrialisierung, die gemeinsame Lebensrealitรคt in den Fabriken, in Begriffen wie dem Proletariat abzeichnet โ gemeinsame Erfahrungen frei von Massenmedien erzeugen neue, emanzipierte Begriffe zur Beschreibung der Realitรคt. Dass die grossen Medienkonzerne wie Bertelsmann, Axel Springer oder die Hubert Burda Medien auch Eigeninteressen verfolgen und politisch verwoben sind, ist nicht wie die ยซLรผgenpresse Rhetorikยป einfach antisemitische Verschwรถrungstheorie, sondern nachgewiesene Tatsache.[viii] Beispiele dazu wรคren (zwar nicht im Deutschsprachigen Raum), die im Artikel ยซKlima&Kapitalยป dargestellte Propaganda zur Klimakriese in der NewYork Times oder die einseitige Berichterstattung zum Nahostkonflikt Schweizer Medien, in denen laut diversen Journalist*innen eine Angst vorherrscht, bei nicht-linientreuer Berichtserstattung den Job zu verlieren. In einem offenen Brief berichten 111 Schweizer Jounalist*innen: ยซVerstรถsse gegen das Vรถlkerrecht werden in der Berichterstattung ausgeblendet โ oder sogar gerechtfertigt.[ix] Hingegen werden entgegen journalistischem Kodex, unbewiesene und nachtrรคglich als falsch entpuppte Behauptung der israelischen Regierung, wie die Anschuldigung das UN Hilfswerk UNRWA sei am 07.Oktober 2023 beteiligt gewesen, als Fakten รผbernommen. [x]
Um uns Zugang zur Welt jenseits der uns erlernten Symbole zu schaffen, mรผssen wir uns aus der selbstverschuldeten Unmรผndigkeit befreien. Heisst: die Macht รผber unsere Symbole zurรผckzuerlangen. Das kรถnnen wir nur, indem wir miteinander reden, schreiben, reflektieren und Medien von unten neu aufbauen. Was wir brauchen, sind zwischenmenschliche Beziehungen in denen es normal ist รผber Erfahrung und die eigene Lebenssituation zu reden, um die Wortkonzepte wieder mit wahrem Gehalt zu fรผllen. Das fรคngt aber nicht mit dem Sprechen an. In ihrem sehr persรถnlichen Essay ยซHow to stay sane in an age of Divisionยป plรคdiert die britisch-tรผrkische Novellistin besonders fรผr eins: ยซWir sollten uns mehr zuhรถrenยป. Vielleicht wรคre es ein Anfang.
[i] Paul Watzlawick, Menschliche Kommunikation
[ii] https://www.researchgate.net/figure/Abbildung-5-Sender-Empfaenger-Modell-von-Shannon-und-Weaver-1949_fig2_342096991
[iii] Klaus Beck, Kommunikationswissenschaft, 7. Auflage
[iv] https://www.foeg.uzh.ch/dam/jcr:0068204a-f60c-4ee3-bfbf-aef8446e9e8c/JB22%20X%20Mediennutzung.pdf
[v] https://www.rolandberger.com/de/Insights/Publications/Wie-man-auf-eine-Polykrise-reagiert.html
[vi] WOZ 27.Mรคrz 2025, ยซKI? Erst mal ein super Werbebegriffยป
[vii] https://www.politico.eu/article/musks-x-suspends-opposition-accounts-turkey-protest-civil-unrest-erdogan-imamoglu-istanbul-mayor/
[viii] Zur politischen รkonomie in Deutschland, Institut fรผr sozial-รถkologische Wirtschaftsforschung.
[ix] https://www.gaza-journalisten-schuetzen.ch/
[x] https://www.babanews.ch/die-schweizer-medien-und-israel/
